Es ist ein Szenario, das in vielen Betrieben vorkommt: Ein EN 1090-Audit steht an, und der Auditor stellt fest, dass mehrere Schweißerqualifikationen bereits abgelaufen sind. Schweißarbeiten, die in den vergangenen Monaten durchgeführt wurden, sind damit formal nicht abgedeckt. Das kann weitreichende Konsequenzen haben.
Die Fristen nach ISO 9606-1
ISO 9606-1:2012 (europäisch EN ISO 9606-1:2017) regelt die Gültigkeit von Schweißerqualifikationen über zwei Mechanismen, die zusammenwirken — die Gültigkeit ist nicht pauschal „3 Jahre".
1. Revalidierungsfrist nach §9.3 (Weg a / b / c)
ISO 9606-1 §9.3 nennt drei Wege, die Qualifikation durch einen Prüfer oder eine Prüfstelle zu revalidieren:
- Weg a): Der Schweißer wird alle 3 Jahre erneut geprüft.
- Weg b): Alle 2 Jahre werden zwei Nähte aus den letzten 6 Monaten der Gültigkeit durch Durchstrahlungs-, Ultraschall- oder zerstörende Prüfung geprüft und aufgezeichnet; das revalidiert die Qualifikation für weitere 2 Jahre.
- Weg c): Keine feste Frist — die Qualifikation bleibt gültig, solange sie nach §9.2 bestätigt wird und alle Bedingungen erfüllt sind (sinngemäß nach §9.3 c)): derselbe Hersteller, für den der Schweißer qualifiziert wurde und der für die Herstellung des Produkts verantwortlich ist; Qualitätsprogramm des Herstellers nach ISO 3834-2 oder ISO 3834-3 verifiziert; vom Hersteller dokumentierte Nähte akzeptabler Qualität nach den Anwendungsnormen, die Position(en), Nahtart (FW/BW) und Badsicherung (mb/nb) der Qualifikation bestätigen.
Welcher Weg für den Schweißer gilt, wird nach §9.1 bereits bei der Ausstellung auf dem Zertifikat angegeben. Die maßgebliche Frist ergibt sich aus diesem Weg — eine Gültigkeit von pauschal drei Jahren lässt sich daraus nicht ableiten.
2. 6-Monats-Bestätigung nach §9.2 (für alle drei Wege)
Zusätzlich ist die Qualifikation nach §9.2 je Prozess alle 6 Monate zu bestätigen — durch die für die Schweißtätigkeiten verantwortliche Person oder durch den Prüfer bzw. die Prüfstelle. Bestätigt wird, dass der Schweißer im Geltungsbereich seiner Qualifikation gearbeitet hat; die Gültigkeit verlängert sich damit um weitere 6 Monate. §9.2 gilt für alle drei Wege nach §9.3.
Fehlt die §9.2-Bestätigung, ist die Qualifikation nach §9.1 ungültig — auch wenn die §9.3-Revalidierungsfrist noch nicht abgelaufen ist.
Was passiert, wenn eine Qualifikation abgelaufen ist?
Normative Konsequenzen
- Der Schweißer darf in dem betroffenen Bereich (Verfahren, Position, Zusatzwerkstoffgruppe) keine qualifizierten Schweißarbeiten mehr ausführen
- Bereits ausgeführte Schweißarbeiten ohne gültige Qualifikation erfüllen nicht die Anforderung aus EN 1090-2 Abschnitt 7.4.2.1, dass Schweißer nach EN ISO 9606-1 qualifiziert sind
Einstufung im Audit
Wie eine Zertifizierungsstelle eine abgelaufene Qualifikation einstuft und welche Maßnahmen sie daraus ableitet, legt ihr eigenes Verfahren fest — EN 1090-1, EN 1090-2 und ISO 3834-2 stufen diesen Befund nicht ein. Klären Sie Einstufung und erwartete Maßnahmen deshalb direkt mit Ihrer Zertifizierungsstelle.
Sofortmaßnahmen bei abgelaufener Qualifikation
Schritt 1: Betroffenen Schweißer sofort von den qualifizierten Arbeiten abziehen Bis zur erneuten Qualifikation darf der Schweißer in dem abgelaufenen Bereich keine EN-1090-relevanten Nähte schweißen.
Schritt 2: Umfang der betroffenen Schweißarbeiten dokumentieren Ermitteln Sie, welche Nähte in welchem Zeitraum von der abgelaufenen Qualifikation betroffen sind.
Schritt 3: Neue Prüfung planen Eine neue ISO 9606-1 Prüfung wird vor einem Prüfer oder einer Prüfstelle abgelegt. Vorlaufzeiten erfragen Sie direkt bei der Prüfstelle.
Schritt 4: Überbrückung prüfen In manchen Fällen kann ein anderer, qualifizierter Schweißer die Arbeiten übernehmen. Stellen Sie sicher, dass dessen Qualifikation alle Variablen des Geltungsbereichs nach ISO 9606-1 Abschnitt 5 abdeckt (u. a. Verfahren, Zusatzwerkstoffgruppe, Nahtart, Position, Blech/Rohr, Dicke bzw. Durchmesser).
Schritt 5: Auditordokumentation vorbereiten Dokumentieren Sie die Maßnahmen schriftlich, damit Sie dem Auditor zeigen können, dass das Problem erkannt und systematisch adressiert wurde.
Warum läuft die 6-Monats-Bestätigung so oft durch?
Typische Ursachen für vergessene 6-Monats-Bestätigungen:
- Manuelle Tabellenverwaltung: Excel-Listen werden nicht regelmäßig gepflegt oder sind veraltet
- Kein Erinnerungssystem: Niemand ist explizit für die Fristenüberwachung verantwortlich
- Personalwechsel: Die Aufgabe war bei einer Person, die das Unternehmen verlassen hat
- Unterschätzung der Norm: Die 6-Monats-Pflicht wird als „bürokratisch" abgetan und nicht ernst genommen
Systematische Prävention: Wie Sie Fristen im Griff behalten
Manuelle Methode
Erstellen Sie eine Tabelle mit allen Schweißern, ihren Qualifikationsdaten und den nächsten Fälligkeitsdaten. Tragen Sie Erinnerungen für 60 Tage vor Ablauf der maßgeblichen Revalidierungsfrist (§9.3) und 30 Tage vor Fälligkeit der 6-Monats-Bestätigung (§9.2) ein.
Der Nachteil: Tabellen müssen manuell aktualisiert werden. Bei mehreren Schweißern und verschiedenen Qualifikationsbereichen ist das fehleranfällig.
Digitale Methode
Software wie SchweißDoku führt alle Qualifikationsfristen an einer Stelle:
- Ablaufende Revalidierungsfristen nach Restlaufzeit sortiert im Dashboard
- Fällige 6-Monats-Bestätigungen in derselben Übersicht
- Digitale Bestätigungsfunktion direkt im System
- Übersicht aller Schweißer mit Ampel-Status (gültig/warnung/abgelaufen)
Testen Sie unseren Schweißerqualifikations-Checker — kostenlos, ohne Anmeldung.
Die häufigste Frage: Kann man eine abgelaufene Qualifikation reaktivieren?
Abschnitt 9 der ISO 9606-1 beschreibt keinen Weg, ein abgelaufenes oder ungültig gewordenes Zertifikat nachträglich wieder in Kraft zu setzen. Die Verlängerung nach §9.3 b) setzt Nähte aus den letzten 6 Monaten der Gültigkeit voraus, also vor dem Ablauf.
Für die 6-Monats-Bestätigung gilt nach §9.1: Wird das Zertifikat nicht alle 6 Monate bestätigt, wird es ungültig. Wie es danach weitergeht, klären Sie mit Ihrem Prüfer bzw. Ihrer Prüfstelle.
Fazit
Abgelaufene Schweißerqualifikationen berühren direkt die Anforderung aus EN 1090-2 Abschnitt 7.4.2.1. Sie lassen sich durch systematische Fristenüberwachung zuverlässig vermeiden. Ob mit manueller Tabelle oder digitaler Software: Entscheidend ist, dass jemand explizit die Verantwortung für das Qualifikationsmanagement trägt.