Ob Erst-Audit, Überwachungsaudit oder Rezertifizierung: Erfahrene Auditoren von TÜV, DEKRA, SLV und GTÜ begegnen in deutschen Schweißbetrieben immer wieder denselben Schwachstellen. Wer diese kennt und systematisch behebt, geht deutlich entspannter ins Audit — und vermeidet teure Nachbesserungen.
Was bei einem EN 1090-Audit geprüft wird
Ein EN 1090-Audit nach DIN EN 1090-1 + EN 1090-2 besteht typischerweise aus zwei Teilen:
- Dokumentenprüfung – Vollständigkeit und Aktualität der werkseigenen Produktionskontrolle (WPK)
- Betriebsbegehung – Abgleich zwischen Dokumentation und tatsächlicher Praxis
Die WPK-Dokumentation umfasst WPS, WPQR, Schweißerqualifikationen, Werkstoffzertifikate, ZfP-Protokolle, Kalibriernachweise und die Bestellung des Schweißkoordinators.
Befund 1: Fehlende oder abgelaufene 6-Monats-Bestätigungen
Häufigkeit: Sehr hoch (tritt in etwa 60% der Audits auf)
Beschreibung: ISO 9606-1 Clause 9.1 verlangt, dass die Schweißaufsicht alle 6 Monate bestätigt, dass Schweißer im qualifizierten Bereich aktiv tätig sind. Diese Bestätigungen fehlen oder sind überfällig.
Konsequenz: Die betroffene Qualifikation gilt als ausgesetzt. Alle in diesem Zeitraum ausgeführten Schweißarbeiten sind formal nicht abgedeckt.
Lösung: Monatliche Kalenderübersicht aller fälligen Bestätigungen. Alternativ: Digitale Fristenverwaltung mit automatischer Erinnerung.
Befund 2: WPS nicht durch gültige WPQR gedeckt
Häufigkeit: Hoch
Beschreibung: Eine WPS wird mit einer Schweißaufgabe eingesetzt, die außerhalb des Geltungsbereichs des zugehörigen WPQR liegt. Häufige Fälle: neue Stahlsorte (andere Werkstoffgruppe), größere Bauteildicke, andere Schweißposition.
Beispiel: WPQR erstellt für 10 mm S355 (Gruppe 1.2). WPS wird auch für 8 mm S235 (Gruppe 1.1) verwendet — das ist zulässig. Aber: dieselbe WPS wird auch für 25 mm eingesetzt — das überschreitet den Geltungsbereich (max. 20 mm bei t=10 mm, Level 1).
Lösung: Geltungsbereich jedes WPQR systematisch dokumentieren. WPQR-Geltungsbereich-Rechner nutzen. Vor der Einführung neuer Werkstoffe oder Geometrien WPQR-Abdeckung prüfen.
Befund 3: Streckenenergie fehlt in der WPS
Häufigkeit: Mittel bis hoch
Beschreibung: ISO 15609-1 macht die Angabe der Streckenenergie (Heat Input) je Schweißlage zur Pflicht. Viele WPS-Formulare enthalten dieses Feld, es wird aber nicht ausgefüllt.
Konsequenz: Die WPS ist formal unvollständig und nach ISO 15609-1 ungültig.
Lösung: Streckenenergie für jede Lage berechnen: Q = (U × I × k × 60) / (v × 1000) [kJ/mm]. Unser Streckenenergie-Rechner hilft dabei.
Befund 4: Schweißkoordinator nicht oder falsch bestellt
Häufigkeit: Mittel
Beschreibung: EN 1090-2 verlangt für EXC2 und höher einen bestellten Schweißkoordinator (Responsible Welding Coordinator, RWC). Häufige Probleme:
- Keine schriftliche Bestellung vorhanden
- Qualifikation des Koordinators zur Ausführungsklasse nicht passend (z. B. EWS für EXC3)
- Koordinator hat das Unternehmen verlassen, kein Nachfolger bestellt
Lösung: Schriftliche Bestellung mit Datum, Unterschrift und Qualifikationsnachweis ablegen. Bei EXC2 mindestens IWS/EWS-Niveau, bei EXC3/4 IWE/EWE oder IWT/EWT.
Befund 5: Werkstoffzertifikate unvollständig oder fehlen
Häufigkeit: Mittel
Beschreibung: EN 1090-2:2018 (Tabelle 1) regelt die geforderten Zeugnistypen nach EN 10204 abhängig von Ausführungsklasse und Bauteilfunktion: Für EXC2 ist je nach Anforderung Typ 2.2 oder 3.1 zulässig, für EXC3 und EXC4 ist Typ 3.1 Pflicht (Typ 3.2 nur bei vertraglicher Vereinbarung). Häufig werden nur Lieferscheine ohne Werkstoffzeugnis archiviert, oder die Charge auf dem Zeugnis stimmt nicht mit der eingesetzten Charge überein.
Lösung: Werkstoffzeugnisse systematisch mit der Bestellung verknüpfen und digital archivieren. Chargennummer auf dem Bauteil oder in der Fertigungsdokumentation nachvollziehbar machen.
Befund 6: Kein Prüfplan für ZfP-Prüfungen
Häufigkeit: Mittel
Beschreibung: EN 1090-2 Tabelle 24 legt den Umfang der zerstörungsfreien Prüfung fest — abhängig von Ausführungsklasse und Nahttyp steigt der geforderte Prüfanteil. Viele Betriebe führen keine Sichtprüfprotokolle oder prüfen ohne vorherigen Prüfplan.
Konsequenz: Ohne Prüfplan kann nicht nachgewiesen werden, dass der geforderte ZfP-Umfang eingehalten wurde.
Lösung: Prüfplan für jedes Projekt erstellen: welche Nähte, welches Verfahren (VT, MT, PT, UT, RT), wann, durch wen? Prüfprotokolle mit Nahtbezeichnung und Ergebnis archivieren.
Befund 7: Kalibrierprotokolle fehlen oder sind veraltet
Häufigkeit: Mittel
Beschreibung: Schweißstromquellen, Messgeräte und ZfP-Ausrüstung müssen in kalibrierten Intervallen überprüft werden. Häufig existieren keine Kalibrierprotokolle oder die letzte Kalibrierung liegt zu lange zurück.
Lösung: Kalibrierintervalle im Wartungsplan festlegen. Externe Kalibrierung für messrelevante Geräte beauftragen und Protokolle mit Gerätebezeichnung, Datum und Nächstfälligkeit archivieren.
So bereiten Sie sich systematisch vor
8 Wochen vor dem Audit:
- Alle Schweißerqualifikationen auf Gültigkeit prüfen (Checker nutzen)
- WPQR-Abdeckung aller WPS verifizieren
- Kalibrierprotokolle auf Vollständigkeit prüfen
4 Wochen vor dem Audit:
- Fehlende Dokumente beschaffen (Werkstoffzeugnisse, Prüfzeugnisse)
- Auditordner strukturieren (WPS, WPQR, Qualifikationen, Kalibrierung, ZfP)
- Schweißkoordinator-Bestellung auf Aktualität prüfen
1 Woche vor dem Audit:
- Betrieb informieren, Aushänge prüfen (WPS gut sichtbar an Arbeitsplatz?)
- Ansprechpartner für den Auditor benennen
Fazit
Die 7 häufigsten EN 1090-Befunde sind nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo Prozesse manuell und dezentral verwaltet werden: in Excel-Tabellen, Ordnern und E-Mail-Postfächern. Digitale Schweißdokumentation, die Fristen überwacht und Dokumente strukturiert verwaltet, eliminiert die meisten dieser Befunde systematisch.