Ein WPQR (Welding Procedure Qualification Record) nach ISO 15614-1 qualifiziert nicht für jede beliebige Schweißaufgabe – er deckt nur einen bestimmten Geltungsbereich ab. Wer seinen WPQR falsch auswertet, betreibt unter Umständen Schweißarbeiten ohne gültige Qualifikationsgrundlage. Und das fällt beim nächsten EN 1090-Audit auf.
Was ist der WPQR-Geltungsbereich?
Der Geltungsbereich (Range of Qualification) beschreibt, für welche Kombinationen aus Dicke, Werkstoffgruppe, Schweißposition und Wärmebehandlung ein WPQR eine WPS qualifiziert. Die Regeln dazu stehen in ISO 15614-1:2017, Abschnitt 8.
Ein WPQR, der mit einem 10 mm dicken S355-Blech in Position PA erstellt wurde, qualifiziert beispielsweise nicht automatisch für 25 mm dicke Bauteile oder für das Schweißen in Position PF.
Level 1 vs. Level 2 – wann gilt was?
ISO 15614-1:2017 unterscheidet zwei Anwendungsstufen ("Level"). Welche Stufe Pflicht ist, hängt von der zugrundeliegenden Ausführungsnorm ab:
Bei Anwendung von EN 1090-2:2018 (Stahlbau, CE-Kennzeichnung): EN 1090-2:2018 Tabelle 12, Fußnote a, schreibt eindeutig vor:
"Qualification of welding procedures to EN ISO 15614-1:2017 shall be to Level 2."
Das heißt: Wer eine WPQR nach ISO 15614-1:2017 als Qualifikationsgrundlage einsetzt, muss Level 2 anwenden — unabhängig von der Ausführungsklasse (EXC1, EXC2, EXC3 oder EXC4). Level 1 nach ISO 15614-1:2017 ist im Anwendungsbereich von EN 1090-2:2018 nicht zulässig.
Wann Level 1 erlaubt ist:
- Außerhalb des Anwendungsbereichs von EN 1090-2 (z. B. Maschinenbau, Behälterbau ohne Druckgeräterichtlinie)
- Bei Qualifikationen nach älteren Normfassungen (ISO 15614-1:2004)
- Wenn die zugrundeliegende Ausführungsnorm Level 1 explizit zulässt
Da der Geltungsbereich nach Level 1 deutlich weiter ist (siehe Tabellen unten), wird er in der Praxis außerhalb von EN 1090-2 oft genutzt.
Dickenbereich: Tabelle 7 nach ISO 15614-1:2017
Stumpfnähte (BW – Butt Welds)
Level 1:
| Prüfstück-Dicke t | Gültigkeitsbereich (min–max) | |-------------------|------------------------------| | t ≤ 3 mm | 0,5·t bis 2·t | | 3 < t ≤ 12 mm | 3 mm bis 2·t | | 12 < t ≤ 40 mm | 5 mm bis 2·t | | 40 < t ≤ 150 mm | 5 mm bis 200 mm | | t > 150 mm | 5 mm bis 1,33·t |
Beispiel: WPQR mit t = 10 mm → gültig für 3 mm bis 20 mm.
Level 2:
| Prüfstück-Dicke t | Gültigkeitsbereich | |-------------------|--------------------| | t ≤ 3 mm | 0,7·t bis 2·t | | 3 < t < 30 mm | 3 mm bis 2·t | | t ≥ 30 mm | min. 5 mm bis unbegrenzt |
Kehlnähte (FW – Fillet Welds)
Level 1 (Clause 8.4.3a): Ein WPQR mit einer Kehlnaht qualifiziert für alle Kehlnahtdicken und alle Bauteildicken. Das ist einer der wichtigsten Unterschiede zu Level 2 und vereinfacht die Praxis erheblich.
Level 2 (Tabelle 8): Enger Bereich, ähnlich wie BW.
Werkstoffgruppen nach ISO/TR 15608
Die Werkstoffkennzeichnung im WPQR bestimmt, welche Stähle mit der zugehörigen WPS geschweißt werden dürfen. Die Überdeckung basiert auf der Streckgrenze (Yield Strength) – nicht auf der Normbenennung.
| Prüfwerkstoff | Deckt ab | |---------------|----------| | Gruppe 1.1 (Re ≤ 275 N/mm², z. B. S235, S275) | nur 1.1 | | Gruppe 1.2 (Re > 275 ≤ 360 N/mm², z. B. S355) | 1.1, 1.2 | | Gruppe 1.3 (normalgeglühte Feinkornstähle, Re > 360 N/mm², z. B. S420N, S460N) | 1.1, 1.2, 1.3 | | Gruppe 1.4 (atmosphärisch korrosionsbeständig, z. B. S355J0W) | 1.1, 1.2, 1.4 — nicht 1.3 |
Wichtig: Gruppe 1.4 ist nicht primär über die Streckgrenze definiert, sondern über die erhöhte atmosphärische Korrosionsbeständigkeit (wetterfeste Stähle wie S355J0W/J2W). Sie deckt Gruppe 1.1 und 1.2 ab, aber nicht Gruppe 1.3 — der Unterschied liegt in der Legierungschemie, nicht in der Festigkeit.
Position (Clause 8.4.2)
Wenn der WPQR ohne Kerbschlag- und Härteprüfung erstellt wurde, qualifiziert er für alle Positionen (außer PG und PJ für BW, die einen spezifischen Test erfordern).
Sobald Kerbschlag- oder Härteprüfungen Teil des WPQR sind, gilt eine eingeschränktere Positionsübertragung.
Wärmenachbehandlung PWHT (Clause 8.4.11)
Die Angabe zur Wärmenachbehandlung im WPQR ist bindend:
- Ein WPQR mit PWHT qualifiziert nur WPS mit derselben PWHT
- Ein WPQR ohne PWHT qualifiziert nur WPS ohne PWHT
- Das Hinzufügen oder Weglassen von PWHT ist nicht durch den Geltungsbereich gedeckt — eine neue Verfahrensprüfung ist erforderlich
Dies ist eine der häufigsten Ursachen für ungültige WPS in der Praxis.
Schweißverfahren (Clause 8.4.1)
Der Geltungsbereich gilt nur für das identische Schweißverfahren (Prozessnummer nach ISO 4063). Ein MAG-WPQR (Verfahren 135) qualifiziert nicht für WIG (141) oder E-Hand (111).
Innerhalb des gleichen Verfahrens sind kleinere Parametervariationen zulässig, aber ein Prozesswechsel erfordert immer einen neuen WPQR.
Praxisbeispiel: WPQR für t = 10 mm, Gruppe 1.2, PF, kein PWHT
Gegeben: WPQR erstellt mit:
- Verfahren 135 (MAG)
- t = 10 mm, Stumpfnaht (BW)
- Werkstoffgruppe 1.2 (S355J2+N nach Lieferform)
- Position PF (steigend)
- Kein PWHT
Gültigkeitsbereich nach Level 2 (Pflicht für EN 1090-2):
- Dicke (BW): 3 mm bis 2·t = 20 mm
- Werkstoff: Gruppe 1.1 und 1.2 (Gruppe 1.3 / 1.4 nicht abgedeckt)
- Position: Alle (sofern keine Kerbschlag-/Härteprüfung gefordert)
- Verfahren: nur 135 (MAG)
- PWHT: Nur ohne PWHT
Hinweis Werkstoffgruppen: Die Zuordnung S→Gruppe nach ISO/TR 15608:2017 hängt von Streckgrenze und Lieferform ab. S355J2+N (normalgeglüht) fällt typischerweise in 1.2; S355JR (warmgewalzt) kann je nach Untergruppe abweichen. Im Zweifel die Werkstoff-Datenblätter der Lieferanten prüfen.
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