Die Schweißanweisung (WPS – Welding Procedure Specification) ist das zentrale Dokument im Schweißbetrieb. Sie legt verbindlich fest, wie eine Schweißaufgabe auszuführen ist, und bildet zusammen mit dem WPQR die Qualifikationsgrundlage nach EN 1090-2. Wer eine WPS falsch oder unvollständig ausstellt, riskiert Beanstandungen beim Audit – oder im schlimmsten Fall fehlerhafte Schweißverbindungen.
Was regelt ISO 15609-1?
ISO 15609-1 ist der internationale Standard für Schweißanweisungen beim Lichtbogenschweißen. Er definiert:
- Welche Angaben eine WPS zwingend enthalten muss (Pflichtfelder)
- Welche Toleranzen für Schweißparameter zulässig sind
- Wie die WPS mit dem WPQR (Verfahrensprüfzeugnis) verknüpft sein muss
Die Norm gilt für alle gängigen Lichtbogenschweißverfahren: MAG (135), MIG (131), WIG (141), E-Hand (111), UP (121) und weitere.
Wer braucht eine WPS?
Jeder Betrieb, der nach EN 1090-2 (CE-Kennzeichnung für Stahlbaukonstruktionen) oder nach ISO 3834 (Qualitätsmanagement beim Schmelzschweißen) arbeitet, benötigt normkonforme WPS-Dokumente. Das gilt für:
- Stahlbau- und Metallbaubetriebe mit EXC2 oder höher
- Lohnfertiger, die für Auftraggeber mit festgelegten Ausführungsklassen produzieren
- Hersteller von Druckbehältern, Rohrleitungen und Maschinen
Die Pflichtfelder nach ISO 15609-1
Eine vollständige WPS muss mindestens folgende Angaben enthalten:
| Bereich | Pflichtangabe | |---------|---------------| | Identifikation | WPS-Nummer, Ausgabedatum, Revisionsstand | | Qualifikationsgrundlage | Verweis auf WPQR oder Alternativqualifikation (ISO 15610–15613) | | Schweißverfahren | Prozessnummer nach ISO 4063 (z. B. 135, 141) | | Grundwerkstoff | Werkstoffgruppe nach ISO/TR 15608, Normbenennung | | Schweißzusatz | Normbenennung, Hersteller, Charge (optional) | | Schutzgas | Typ nach ISO 14175 (z. B. M21 für 82% Ar/18% CO₂) | | Nahtgeometrie | Nahtform, Öffnungswinkel, Steghöhe, Wurzelspalt | | Schweißposition | Bezeichnung nach ISO 6947 (PA, PB, PF …) | | Vorwärmtemperatur | Mindesttemperatur in °C | | Zwischenlagentemperatur | Maximaltemperatur in °C | | Schweißparameter | Strom, Spannung, Drahtvorschub je Lage | | Streckenenergie | Berechnet nach Q = (U × I × k × 60) / (v × 1000) [kJ/mm] | | Wärmenachbehandlung | Art, Temperatur, Haltezeit (falls zutreffend) | | Autorisierung | Unterschrift des verantwortlichen Schweißkoordinators |
Beispiel: MAG-WPS für S355, 10 mm Stumpfnaht
Damit die Angaben greifbar werden, hier ein konkretes Beispiel:
| Parameter | Wert | |-----------|------| | WPS-Nummer | WPS-MAG-001 | | Verfahren | 135 (MAG) | | Schutzgas | M21 (ISO 14175) | | Grundwerkstoff | Gruppe 1.2 – S355J2+N (EN 10025-2) | | Zusatzwerkstoff | G3Si1 (ISO 14341-A) | | Nahtform | V-Naht, 60°, Steghöhe 2 mm | | Position | PA (eben, wannen) | | Vorwärmen | Min. 20°C (CE-Wert < 0,43) | | Zwischenlagentemp. | Max. 250°C | | Strom Lage 1 | 160–200 A (Gleichstrom +) | | Spannung Lage 1 | 22–26 V | | Drahtvorschub | 6–9 m/min | | Streckenenergie | 0,8–1,8 kJ/mm | | WPQR-Verweis | WPQR-001 |
Die Streckenenergie richtig berechnen
Die Streckenenergie (Heat Input) ist häufig eine Schwachstelle in WPS-Dokumenten. Sie wird berechnet nach:
Q = (U × I × k × 60) / (v × 1000) [kJ/mm]
Dabei ist:
- U = Schweißspannung in V
- I = Schweißstrom in A
- k = Wirkungsgrad (MAG: 0,8 / WIG: 0,6 / E-Hand: 0,8)
- v = Schweißgeschwindigkeit in mm/min
Unser Streckenenergie-Rechner berechnet die Streckenenergie automatisch auf Basis Ihrer Parameter.
WPS und WPQR: Die Verknüpfung verstehen
Eine WPS kann nur dann gültig ausgestellt werden, wenn eine gültige Qualifikationsgrundlage vorhanden ist. Die häufigsten Grundlagen sind:
- WPQR nach ISO 15614-1 (Verfahrensprüfung – Standardweg)
- Vorprüfung nach ISO 15610 (Grundlage: vorab geprüfte Schweißzusätze)
- Standardschweißverfahren nach ISO 15612 (für einfache Nahtgeometrien)
- Arbeitskenntnis nach ISO 15613 (Einzelfertigung mit nachgewiesener Erfahrung)
Der Gültigkeitsbereich des WPQR bestimmt, welche Parameter in der WPS zulässig sind. Mehr zum WPQR-Geltungsbereich erfahren Sie in unserem Wissensartikel.
Typische Fehler bei der WPS-Erstellung
Fehler 1: Streckenenergie nicht berechnet Die Streckenenergie muss pro Lage angegeben werden. Viele Betriebe lassen das Feld leer oder geben unrealistische Werte an.
Fehler 2: Falscher Schutzgastyp „Mischgas" reicht nicht. Es muss die genaue ISO 14175-Bezeichnung stehen (z. B. M21, I1, C1).
Fehler 3: WPS deckt nicht alle eingesetzten Positionen ab Eine WPS für PA qualifiziert nicht automatisch für PF (steigend). Prüfen Sie, ob Ihr WPQR die gewünschte Position abdeckt.
Fehler 4: Qualifikationsgrundlage ungültig Wenn der WPQR mehr als 3 Jahre alt ist und keine Verlängerung existiert, ist die WPS de facto ungültig.
Fehler 5: Keine Autorisierung Eine WPS ohne Unterschrift des verantwortlichen Schweißkoordinators (RWC) ist formal unwirksam.
Wie SchweißDoku hilft
Mit SchweißDoku erstellen Sie normkonforme WPS-Dokumente in einem geführten Formular:
- Automatische Streckenenergie-Berechnung
- Direkter Verweis auf vorhandene WPQR-Dokumente
- Gültigkeitsbereichs-Abgleich: WPS innerhalb WPQR-Grenzen?
- PDF-Export für Audits und Werkstatt-Aushang
- Automatische Versionsverwaltung und Freigabe-Workflow